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Im Blickpunkt

wellcome – Praktische Hilfe nach der Geburt

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AUS DEN NACHBARSCHAFTSINFOS 3/2007

Praktische Nachbarschaftshilfe für Familien mit Neugeborenen: Das ist die Idee von "wellcome". Derzeit ist das Projekt im Aufbau. Während die professionelle Familienpflege nur bei Krankheit eines Elternteils verordnet werden kann, bietet "wellcome" ehrenamtliche Hilfestellungen im ganz normalen Alltag mit Säuglingen. Das aus Hamburg stammende Programm ist ein Mittel der Prävention und schützt Eltern vor Überforderungen. Im Nachbarschaftsheim bietet es außerdem ein neues Wirkungsfeld für Freiwillige.

42 Jahre lang hat Renate Prosche als Kinderkrankenschwester gearbeitet, zuletzt auf der Entbindungsstation im Klinikum Benjamin Franklin. Gerade ist die knapp 60-Jährige aus dem Dienst ausgestiegen. Jetzt wird sie ehrenamtlich weitermachen, sie will auch künftig für Säuglinge und Mütter tätig sein. Nur, dass sie diese fortan zu Hause besuchen wird, um dort mit anzupacken. Und das nach einem "Dienstplan", den sie selbst als Freiwillige steuern kann. Das soeben in Berlin initiierte Ehrenamtlichenprojekt "wellcome" kam Renate Prosche gerade recht. "Ich habe unheimlich viel Spaß an dieser Arbeit und meine, dass ich auch immer ein gutes Verhältnis zu Müttern hatte", sagt sie. Die engagierte Kinderkrankenschwester beginnt dieser Tage ihren "wellcome"-Dienst bei einer Mutter und ihrem Neugeborenen, das zu früh auf die Welt kam. Renate Prosche weiß nur zu gut, dass diese Kinder oft mehr Aufmerksamkeit benötigen als andere. "Genauso brauchen die Mütter im Alltag mehr Hilfe", sagt sie. "Vor allem dann, wenn zum Beispiel die Omas weit weg wohnen und der Partner stark eingespannt ist im Job."

Das Prinzip von "wellcome" ist die Nachbarschaftshilfe. Erfahrene Mütter, die sich freiwillig dafür melden, helfen Familien, in denen kurz nach der Geburt eines Kindes oftmals einiges drunter und drüber geht. Da ist jede Unterstützung viel wert. "Ich weiß noch aus dem Krankenhaus, dass ich oft das Gefühl hatte, dass in der einen oder anderen Familie hinterher ruhig noch jemand nachgucken sollte", sagt Renate Prosche. Die Kinderkrankenschwester geht davon aus, dass bereits mit einem verhältnismäßig geringen Zeitaufwand ein großer Effekt möglich sei. Wenn sie zum Beispiel ein Baby für einige Stunden versorgt, damit die Mutter einkaufen oder sich einfach ausruhen kann. "Das beruhigt ungemein."

Gerade für Mütter, die das erste Kind bekommen haben, sei die Hilfe gedacht, sagt Sylvia Braband-Alkabir, Leiterin der Familienpflege im Nachbarschaftsheim, die nun auch den Einsatz der ehrenamtlichen "wellcome"-Helferinnen koordiniert. Außerdem sollten vorrangig Eltern mit Mehrlingen unterstützt werden und mehrfach belastete Familien, in denen zum Beispiel neben einem Säugling auch ein behindertes Kind zu betreuen ist. "Der Ansatz ist, ganz allgemeine Hilfestellungen zu geben, selbst dort, wo auf den ersten Blick vielleicht gar kein Notstand herrscht", erläutert Sylvia Braband-Alkabir. So werde möglichen Überforderungen der Eltern vorgebeugt. Müttern und Vätern werde das Gefühl von Sicherheit vermittelt, und wenn nötig erhalten sie wichtige Kontakte. "Natürlich muss eine Ehrenamtliche Tipps geben können, wo die nächste Schreiambulanz ist und wo Kurse in der Familienbildung gegeben werden", sagt die Koordinatorin. Dieser Vernetzungsgedanke ist im Nachbarschaftsheim besonders ausgeprägt. Es gibt eine Fülle von Veranstaltungen für junge Eltern und Gruppen für Mütter oder Väter und ihre Kinder.

Zudem ist eine enge Verzahnung mit der ambulanten Familienpflege, dem eigentlichen Arbeitsbereich von Sylvia Braband-Alkabir, möglich. Die professionellen Familienpflegerinnen besuchen bereits täglich zwischen fünfzehn und zwanzig Frauen im Wochenbett. In den Tagen unmittelbar nach der Geburt werden diese Einsätze von den Krankenkassen gezahlt, danach ist jedoch im Normalfall Schluss. Aber die hauptamtlichen Pflegerinnen können ab sofort allen Müttern anbieten, sich weiterhin von ehrenamtlichen Kolleginnen besuchen zu lassen.

Genau das machte das Nachbarschaftsheim Schöneberg zum idealen Kooperationspartner für die Gründerin von "wellcome", die Hamburgerin Rose Volz-Schmidt. Sie hatte das Projekt im Jahr 2002 unter dem Dach einer evangelischen Gemeinde im Hamburger Norden ins Leben gerufen. Die Gründerin sagt, sie wolle ein Netz knüpfen, "um junge Familien in Zeiten zu erreichen, in denen Weichenstellungen noch möglich sind". In der Hansestadt, Schleswig-Holstein und Niedersachsen ist die gemeinnützige "wellcome"-Gesellschaft mittlerweile mit über 30 örtlichen Projekten vertreten. In Berlin macht Schöneberg den Anfang. Die Jugend- und Familienstiftung des Landes unterstützt das Nachbarschaftsheim bei der Einführung von "wellcome". Im Prenzlauer Berg bietet der Verein "Stützrad" das Projekt in Kürze ebenso an.

Ein Stamm von zehn bis fünfzehn ehrenamtlichen Helferinnen müsse jetzt aufgebaut werden, sagt Sylvia Braband-Alkabir. Die Fahrtkosten, die ihnen bei den Einsätzen entstehen, werden erstattet. Außerdem werden die Ehrenamtlichen unfall- und haftpflichtversichert sein. Familien, die die Hilfe in Anspruch nehmen wollen, müssen eine einmalige Vermittlungsgebühr von zehn Euro zahlen. Jede Stunde, in der eine Helferin zu ihnen kommt, kostet außerdem vier Euro. Aus Spendenmitteln wiederum finanziert die Hamburger Muttergesellschaft von "wellcome" eine Werbekampagne, die dabei helfen soll, in allen Bundesländern Fuß zu fassen. Überall begrüßen die Sozialverwaltungen ein bürgerschaftliches Engagement wie dieses und unterstützen das Projekt.

Nur einen Passus streicht das Hamburger "wellcome"-Team künftig aus ihrem Werbematerial. Nämlich den, dass die ehrenamtlichen Helferinnen auch "bei kleinen Tätigkeiten im Haushalt" zupacken. Das kann fehlinterpretiert werden. Die Freiwilligen mögen den Satz nicht, niemand kann es ihnen verübeln.

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